Kostet KI Arbeitsplätze? Was die neuen Daten des IAB zeigen
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Von Thomas Kohns und Anthony Steffan
In der Mittagspause fragt der Auszubildende im zweiten Lehrjahr, ob es seinen Beruf in zehn Jahren noch gibt. Er hat im Netz gelesen, dass KI vor allem den Einstieg ins Berufsleben verbaut. Der Meister zuckt mit den Schultern. Er weiß es auch nicht, und Zahlen für Deutschland hat er nie gesehen.
Seit dieser Woche gibt es welche. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hat am 13. Oktober 2026 eine Auswertung veröffentlicht, die genau dieser Frage nachgeht.
Was das IAB untersucht hat
Grundlage sind die monatlichen Beschäftigtendaten der Bundesagentur für Arbeit von Januar 2021 bis Dezember 2025, im Schnitt gut 22 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte zwischen 20 und 64 Jahren. Beamtinnen und Beamte, Selbstständige, Minijobs und Auszubildende sind nicht enthalten.
Für jeden Beruf haben die Forschenden geschätzt, welcher Anteil seiner Tätigkeiten sich mit Sprachmodellen deutlich schneller erledigen ließe. Am höchsten liegt dieser Wert in Naturwissenschaft und Informatik, in Unternehmensorganisation, Rechnungswesen und Recht sowie in Medien, Kunst und Gestaltung. Dann haben sie verglichen, wie sich die Beschäftigung in stark und in weniger betroffenen Berufen seit 2022 entwickelt hat, getrennt nach Alter.
Was herauskommt
Ein Einbruch ist nicht zu sehen. Über alle Altersgruppen hat sich die Vollzeitbeschäftigung in stark KI-betroffenen Berufen sogar etwas besser entwickelt als in den übrigen. Nach Alter getrennt ergibt sich folgendes Bild:
| Altersgruppe | Stark betroffene Berufe im Vergleich zu weniger betroffenen, 2022 bis 2025 |
|---|---|
| 20 bis 29 Jahre | rund 1,2 Prozentpunkte schwächer, statistisch nicht gesichert |
| 30 bis 39 Jahre | knapp 6 Prozentpunkte stärker |
| 40 bis 64 Jahre | rund 5 Prozentpunkte stärker |
Bei den Jüngeren wird der Zusammenhang über die Jahre etwas ungünstiger. Deutlich stärker wirkt aber die schwache Wirtschaftslage: Junge Beschäftigte in Branchen, die zwischen 2022 und 2024 viele Entlassungen und Schließungen erlebt haben, verloren am meisten. Die Autorinnen und Autoren schätzen diesen Einfluss als mehr als doppelt so stark ein wie den der KI.
Ein belastbares Warnsignal finden sie an einer Stelle, an der es viele nicht vermutet hätten. Nicht bei jungen Akademikerinnen und Akademikern, über die meist gesprochen wird, sondern bei Berufseinsteigern im verarbeitenden Gewerbe und in nichtakademischen Berufen. Dort geht eine höhere KI-Betroffenheit mit einer spürbar schwächeren Beschäftigung der unter 30-Jährigen einher.
Was die Zahlen nicht sagen
Die Studie misst, wo KI eingesetzt werden könnte, nicht, wo Unternehmen sie tatsächlich nutzen. Sie beschreibt Zusammenhänge und weist keine Ursachen nach. Und sie endet mit dem Jahr 2025. Die Forschenden schreiben selbst, dass KI als Einflussfaktor weiter beobachtet werden muss, und wünschen sich dafür Daten, die die tatsächliche Nutzung in Unternehmen mit den Beschäftigtendaten verbinden.
Eine Entwarnung für alle Zeiten ist das also nicht. Es ist der derzeit beste Befund für Deutschland, und er widerspricht der Erzählung vom schnellen Kahlschlag.
Was Unternehmen daraus machen können
Ehrlich antworten. Wenn im Team die Frage nach den Arbeitsplätzen kommt, gibt es jetzt etwas Belastbares zu sagen: Bisher ist in Deutschland kein Einbruch in den betroffenen Berufen zu sehen. Was im eigenen Unternehmen geplant ist, kann nur die Geschäftsführung beantworten. Wie Sie dieses Gespräch führen, steht im Beitrag KI einführen, ohne das Team zu verlieren.
Einstiegsstellen halten. Wer jetzt bei Ausbildung und Berufseinstieg spart, weil die KI ja einiges übernimmt, schafft sich ein Problem für später. In fünf Jahren braucht das Unternehmen Fachkräfte, die die Ergebnisse der KI beurteilen können, und die wachsen nur aus Menschen, die heute anfangen.
Die Einarbeitung neu ordnen. Hier liegt die eigentliche Aufgabe. Viele Tätigkeiten, die KI gut erledigt, waren bisher Lernaufgaben: das erste Protokoll, die einfache Kalkulation, die Recherche für ein Angebot. Fallen sie weg, fehlt Neuen die Übung. Überlegen Sie deshalb, an welchen Aufgaben Einsteiger künftig lernen. Eine Möglichkeit: Sie machen die Aufgabe zuerst selbst, vergleichen dann mit dem Ergebnis der KI und besprechen die Unterschiede mit einer erfahrenen Kollegin.
Erfahrungswissen sichern. Die IAB-Zahlen zeigen, dass erfahrene Beschäftigte in KI-nahen Berufen eher gefragter sind. Ihr Wissen ist das, was Neue am dringendsten brauchen und was keine KI aus dem Internet kennt. Je früher Sie es aufschreiben und weitergeben, desto leichter fällt der Einstieg für die Nächsten.
Und der Auszubildende aus der Mittagspause? Für ihn ist die wichtigste Nachricht, dass es auf sein Unternehmen ankommt. Ein Unternehmen, das ihn weiter an echten Aufgaben lernen lässt und ihm zeigt, wie er die KI dabei sinnvoll einsetzt, macht ihn zu genau der Fachkraft, die in zehn Jahren gebraucht wird.
Häufige Fragen
Hat KI in Deutschland schon Arbeitsplätze gekostet?
In der Breite lässt sich das bis Ende 2025 nicht erkennen. Laut IAB hat sich die Vollzeitbeschäftigung in stark KI-betroffenen Berufen seit 2022 insgesamt sogar etwas günstiger entwickelt als in weniger betroffenen. Einzelne Unternehmen können trotzdem Stellen umgebaut oder nicht nachbesetzt haben; das bildet eine Statistik über ganz Deutschland nicht ab.
Was bedeutet „KI-betroffen“ in der Studie?
Gemessen wird, welcher Anteil der Tätigkeiten eines Berufs sich mit Sprachmodellen deutlich schneller erledigen ließe. Das sagt, wo KI eingesetzt werden könnte. Ob Unternehmen sie dort tatsächlich nutzen, misst die Kennzahl nicht.
Sind junge Akademikerinnen und Akademiker besonders gefährdet?
Die IAB-Daten stützen das bisher nicht. Ein belastbarer Zusammenhang zeigt sich bei Berufseinsteigern im verarbeitenden Gewerbe und in nichtakademischen Berufen, bei akademischen Berufen dagegen nicht.
Sollten wir Ausbildungs- und Einstiegsstellen jetzt zurückfahren?
Die Daten geben dafür keinen Anlass. Wer heute keine Einsteiger einarbeitet, hat in fünf Jahren niemanden, der die Arbeit der KI fachkundig prüft. Sinnvoller ist es, die Einarbeitung so umzubauen, dass Neue weiter an echten Aufgaben lernen.
Quellen
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: KI bisher kein Jobkiller, aber Berufseinsteiger zunehmend betroffen, Presseinformation vom 13.10.2026: iab.de
- Melanie Arntz, Michele Dinelli, Oliver Schlenker: KI als Jobkiller für Berufseinsteiger? Entwarnung mit Vorbehalt, IAB-Forum, 13.10.2026: iab-forum.de
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