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Mensch und Team

Ist das echt? Wie KI-Videos auch echten Aufnahmen das Vertrauen nehmen

24.10.2026 · 6 Minuten Lesezeit · Stand 24.10.2026

Von Thomas Kohns und Anthony Steffan

Ein Abend auf dem Sofa, ein kurzer Clip im Feed. Eine bekannte Politikerin sagt darin etwas, das so gar nicht zu ihr passt. Der erste Gedanke ist längst nicht mehr „Unerhört!“, sondern „Ist das echt?“. Zwei Clips weiter läuft eine Aufnahme von einem Unwetter, und auch hier meldet sich der Zweifel, obwohl das Video aus einer Nachrichtenredaktion stammt.

Diese Szene ist erfunden, aber sie ist typisch. Wie typisch, zeigt eine Studie, die die Landesmedienanstalten im Oktober veröffentlicht haben.

Was die Medienanstalten herausgefunden haben

Für die Studie Video Trends 2026 hat das Institut mindline media im Auftrag der Medienanstalten zwischen dem 22. Mai und dem 10. Juni 2026 insgesamt 3.174 Menschen ab 14 Jahren mit Internetzugang befragt. Ein großer Teil der Ergebnisse dreht sich um Fernsehen und Creator. Ein Kapitel aber trägt den Titel „KI-Videos und die Zukunft der Meinungsbildung“, und es ist das bemerkenswerteste.

79 Prozent der Befragten sind KI-Videos schon begegnet, 43 Prozent sogar häufig. Am meisten auf TikTok und Instagram, und je jünger die Befragten, desto öfter. Von denen, die schon einmal ein KI-Video gesehen haben, hat mehr als zwei Drittel mindestens eines für echt gehalten.

Spannend wird es bei der Selbsteinschätzung. Gut die Hälfte findet es eher oder sehr leicht, KI-Videos zu erkennen. Doch auch von diesen Selbstsicheren ist die Mehrheit schon einmal hereingefallen. Die Studie nennt das eine trügerische Sicherheit. Woran die Menschen eine Fälschung festmachen, macht es nicht besser: unnatürliche Mimik, ein zu perfektes Bild, verunglückte Hände und Augen. Genau diese Fehler, so die Autorinnen und Autoren, könnten mit besseren Modellen verschwinden.

Der Zweifel trifft auch das Echte

Der eigentliche Befund steckt in einer anderen Zahl. Die Erfahrung mit KI-Videos verändert, wie Menschen auf Videos insgesamt blicken.

Was KI-Videos mit dem Vertrauen in Bewegtbild machen, 2026

Zustimmung (voll und ganz oder eher), Basis: alle Befragten. Quelle: die medienanstalten, Video Trends 2026, Online-Befragung von 3.174 deutschsprachigen Personen ab 14 Jahren mit Internetzugang durch mindline media, 22.05. bis 10.06.2026, veröffentlicht Oktober 2026

Über Jahrzehnte galt ein Video als das stärkste Beweismittel des Alltags. Ein Foto ließ sich retuschieren, ein Zitat aus dem Zusammenhang reißen, aber wer etwas auf Video hatte, hatte es eben gesehen. Diese Gewissheit bröckelt. Wer heute ein Video sieht, sieht zunächst nur eine Behauptung.

Die amerikanischen Rechtswissenschaftler Bobby Chesney und Danielle Citron haben schon 2019 beschrieben, wohin das führt. Sie nannten es die Lügnerdividende: Wenn alle wissen, dass Videos gefälscht sein können, gewinnt jeder, der bei etwas Echtem ertappt wird. Er muss nur sagen, die Aufnahme sei eine Fälschung. Und, das ist die bittere Pointe, dieser Vorteil wächst, je besser die Öffentlichkeit über Fälschungen aufgeklärt ist. Aufklärung allein hilft also nicht. Sie macht vorsichtiger, aber auch anfälliger für den bequemen Zweifel.

Man kann das als Verlust lesen. Man kann darin auch eine Rückkehr sehen. Bevor es Fotos und Filme gab, hing die Glaubwürdigkeit einer Nachricht am Absender: am Siegel auf dem Brief, an der Zeitung, die man kannte, an dem Menschen, der etwas bezeugte. Vielleicht wandert das Vertrauen dorthin zurück, vom Bild zur Quelle.

Was die Befragten sich wünschen

Die Befragten sind dabei keineswegs grundsätzlich gegen KI im Video. Technische Verbesserungen und kreative Effekte akzeptiert die Mehrheit. Kritisch wird es, wenn reale Personen oder Ereignisse täuschend echt verändert werden. 91 Prozent wollen, dass KI immer klar gekennzeichnet wird, 83 Prozent wären sogar dafür, bestimmte Formen von Deepfakes ganz zu verbieten. Besonders hoch ist der Wunsch nach Transparenz bei Nachrichten, aber auch bei Werbung und Unterhaltung ist er der Mehrheit wichtig.

Teilweise gibt es diese Regel schon: Täuschend echte KI-Bilder, Videos und Tonaufnahmen müssen nach Art. 50 des AI Act als KI-erzeugt erkennbar sein. Was das im Einzelnen heißt, steht im Beitrag EU AI Act: Was Unternehmen jetzt wirklich müssen.

Was das für Unternehmen bedeutet

Wer bei KI-Videos nur an Politik und soziale Medien denkt, unterschätzt das Thema. Drei Stellen im Unternehmen sind direkt betroffen.

Die Zahlungsfreigabe. Anfang 2024 überwies eine Mitarbeiterin des britischen Ingenieurunternehmens Arup in Hongkong in 15 Buchungen insgesamt 200 Millionen Hongkong-Dollar an Betrüger, umgerechnet rund 25 Millionen US-Dollar. Vorausgegangen war eine Videokonferenz mit mehreren Teilnehmenden, die aussahen und klangen wie Führungskräfte des eigenen Hauses. Keiner von ihnen war echt. Arup hat den Fall bestätigt. Die Lehre daraus ist schlicht: Wenn Augen und Ohren getäuscht werden können, muss die Sicherheit im Ablauf stecken. Keine Zahlung und keine Änderung von Bankdaten allein auf einen Anruf oder eine Videokonferenz hin, Rückruf über eine bekannte Nummer, eine zweite Person gibt frei. Das BSI hält die Schulung aller, die solche Anrufe bekommen könnten, für eine zentrale Maßnahme. Dazu gehören neben der Buchhaltung auch Assistenz und Empfang.

Die eigenen Videos. Viele Unternehmen nutzen KI inzwischen für die Synchronisation in andere Sprachen oder für digitale Sprecherinnen und Sprecher. Das ist legitim, und die Studie zeigt, dass das Publikum solche Hilfen akzeptiert, wenn es davon weiß. Wer offen kennzeichnet, schützt das Vertrauen, auf das er bei echten Aufnahmen angewiesen ist. Technisch helfen Herkunftsnachweise wie die Content Credentials der C2PA, einer Initiative großer Technik- und Medienunternehmen: Eine digitale Signatur hält fest, wer ein Bild oder Video erstellt und wie es verändert wurde. Das BSI weist darauf hin, dass solche Signaturen spätere Manipulation sichtbar machen, eine schon vorher gefälschte Quelle aber nicht entlarven.

Der Ernstfall. Irgendwann kursiert vielleicht ein Video, in dem Ihre Geschäftsführung etwas sagt, das sie nie gesagt hat. Oder umgekehrt eine echte, unangenehme Aufnahme, die jemand als Fälschung abtun möchte. In beiden Fällen hilft, was vorher geregelt ist: wer spricht, über welchen eigenen Kanal das Unternehmen Stellung nimmt, und wo die Originale eigener Videos und Pressemitteilungen abgelegt sind, damit sich belegen lässt, was echt ist. Wer diese Fragen einmal in Ruhe geklärt hat, muss im Ernstfall nicht improvisieren.

Mit Ihrem Team lohnt sich ein offenes Gespräch darüber, ohne Alarm. Die Studie zeigt, dass die meisten Menschen auf zweifelhafte Inhalte schlicht weiterscrollen und nur gut zwei von fünf eine zweite Quelle prüfen. Im Unternehmen reicht eine einfache Gewohnheit: Bei allem, was Geld oder den Ruf des Hauses betrifft, wird die Quelle geprüft, bevor gehandelt wird. Das schützt, und es nimmt den Druck, jedem Video ansehen zu müssen, ob es echt ist.

Bleibt die Frage für das Wochenende: Wenn kein Video mehr für sich allein spricht, wem glauben wir dann? Vielleicht denen, die wir kennen, und denen, die sagen, woher sie etwas haben. Das wäre am Ende keine schlechte Entwicklung.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich ein KI-Video?

Die Befragten der Medienanstalten achten vor allem auf unnatürliche Mimik und ein Bild, das zu perfekt wirkt. Die Studie weist selbst darauf hin, dass solche Merkmale mit besseren Modellen verschwinden können. Verlässlicher als der Blick auf das Bild ist der Blick auf die Herkunft: Wer hat das Video zuerst veröffentlicht, und bestätigt eine zweite, unabhängige Quelle den Inhalt?

Was ist die Lügnerdividende?

Den Begriff haben die Rechtswissenschaftler Bobby Chesney und Danielle Citron 2019 geprägt. Gemeint ist der Vorteil für alle, die bei etwas Echtem ertappt werden: Je bekannter es ist, dass Videos gefälscht sein können, desto leichter lässt sich eine echte Aufnahme als Fälschung abtun.

Muss mein Unternehmen KI-Videos kennzeichnen?

Täuschend echte KI-Bilder, Videos und Tonaufnahmen müssen nach Art. 50 AI Act als KI-erzeugt erkennbar sein. Zu den Übergangsfristen nach dem Digital Omnibus finden Sie mehr im Beitrag zum EU AI Act. Unabhängig von der Pflicht erwarten laut der Studie rund neun von zehn Befragten, dass KI-Einsatz in Videos klar gekennzeichnet wird.

Wie schütze ich die Buchhaltung vor gefälschten Anrufen und Videokonferenzen?

Mit einer festen Regel, die unabhängig davon gilt, wie echt jemand aussieht oder klingt: keine Zahlung und keine Änderung von Bankdaten allein auf einen Anruf oder eine Videokonferenz hin. Stattdessen ein Rückruf über eine bekannte Nummer und eine zweite Person, die freigibt. Das BSI nennt die Schulung der Menschen, die solche Anrufe bekommen könnten, eine zentrale Maßnahme gegen Deepfake-Angriffe.

Quellen

  • die medienanstalten: Video Trends 2026, Publikation und Executive Summary, Oktober 2026, Befragung von 3.174 Personen ab 14 Jahren durch mindline media, 22.05. bis 10.06.2026: die-medienanstalten.de
  • heise online, Stefan Krempl: Studie: KI-Videos untergraben Vertrauen in Bewegtbild massiv, 22.10.2026: heise.de
  • Bobby Chesney, Danielle Citron: Deep Fakes: A Looming Challenge for Privacy, Democracy, and National Security, California Law Review, Band 107, 2019: californialawreview.org
  • Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: Deepfakes, Gefahren und Gegenmaßnahmen: bsi.bund.de
  • The Guardian: Arup revealed as victim of $25m deepfake scam involving Hong Kong employee, 17.05.2024: theguardian.com
  • Coalition for Content Provenance and Authenticity (C2PA): c2pa.org

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